Bibel und Evangelium - Christentum Judentum

In der Wissenschaft gelten Altes und Neues Testament zusammen als Bibel. Bei den Juden besteht die Bibel aus dem alttestamentlichen Kanon, der sich eigentlich in drei Kanones teilt, in Thora oder Pentateuch, Propheten (Nebiím) und Hagio-graphen (Kethubim), Jede einzelne dieser Samm-lungen hat ihre besondere Geschichte. Doch ist dem Frommen die ganze Bibel das Buch der Offenbarungen, dem Gelehrten ein Sammelwerk, das er nach sprachlichem Ausdruck, nach redaktionellen Schichten zu sondern und zu sichten versucht. Die Wissenschaft unterscheidet im Pentateuch, den fünf Büchern Moses oder richtiger in den ersten vier eine elohistische und eine jahvistische Schicht, d, h, die erste vermutlich eine biblische Version, die im Norden von Palästina entstanden ist, wo die alten Urnamen für die Gottheit, die Elohim, neben dem Gott des Alls weiter bestanden, die andere aus Judäa stammend, wo der Gedanke der Eingottheit Jahve früher entwickelt war. Der Monotheismus, die Grundlage des Judentums, ist erst durch Entwicklung so geworden, wie er sich nun als Haupt- und Mittelpunkt aller Offenbarungsreligionen darstellt, Diese zwei ineinander gewundenen Schichten der Bibel erkennt man schon in der Schöpfungsgeschichte, die zweimal und jedesmal anders erzählt wird, Auch die verschiedenen heiligen Orte, welche in der Bibel genannt werden, weisen darauf hin, daß verschiedene Kultstätten für verschiedene Gottheiten existierten, die erst nach und nach aufgegeben und dem einig einzigen Gotte geheiligt wurden. Es soll bemerkt werden, daß es sich hier um keine kritische Wertung handelt, sondern um eine Darstellung dessen, was die anerkannte Wissenschaft behauptet und zu beweisen versucht. Zu den ersten vier Büchern der Bibel, Bereschith, Schemoth, Wajikra und Bamidbar kam das fünfte, Debarim, das Deuteronomium, eine Bibel für sich. Es scheint eine zweckbewußte Kompilation zu sein, die unter König Josia, etwa 621, im Tempel gefunden wurde. Aber auch das dritte Buch, Wajikra, soll eíne Kompilation der Priester sein, ein Buch ritueller sowie profaner Gesetze mit anschließender Kasuistik. Die bibelkritische Wissenschaft nennt dieses Werk den Priesterkodex „P", dessen Einschaltungen auch an anderen Stellen der ersten vier Bücher Moses nachgewiesen werden. Die Arbeit der Erforscher des Alten Testaments, wie Kautzsch, Wellhausen u. a. m. ist unserer Bewunderung sicher, und eine Bibelausgabe wie die von Kautzsch lesen wir mit großem Genusse. Es gibt aber kritische Ausgaben, in denen fast jeder Satz in seine vermutliche Ursprungsschrift eingereiht wird, was jeden Genuß beim Lesen der Bibel unmöglich macht. Das Lesen der Bibel aber, so wie sie ist, hat der Menschheit mehr Anregung und Erhebung geboten als irgend ein Werk der Weltliteratur. Neue Funde bestätigen, daß biblische Figuren, die wir als legendarisch ansahen, in Wirklichkeit existiert haben müssen; so z. B. fand man den Namen des Königs Gog, gegen den Abraham der Legende nach gestritten hat, auf alten Tontafeln sowie in letzter Zeit auf einem Fels den Namen des Melchisedek, der in der Abrahamserzählung als erster König und Priester von Salem (Jerusalem) genannt wird. Die Figur des Amrafel ist als Hamurabbi bekannt geworden. Der Name Abram, Abramu ist nach Professor Sayce in babylonischen Verträgen zu finden und zwar aus der Zeit des Kedor Laomer, in die wir das Leben Abrahams verlegen. Auf den Mauern des Tempels in Karnak in Ägypten finden wir die Namen jener Städte aus dem Lande Juda, die König Scheschak eroberte, sie stimmen überein mit denen im 1. Buch der Könige, 14, 25/26. Die Grundmauern des Tempels der Astarte in der Ebene Jesreel, im A.T. oft erwähnt, in dem die Philister die Rüstung des ge-töteten Saul aufhingen, wurden in Bethschan (heute Beisan) ausgegraben. Die Bedeutung der zehn Gebote, dieses ersten uns bekannten Sittengesetzes, ist unbestritten. Ebenso wichtig sind die weiteren in den fünf Büchern enthaltenen moralischen und sozialen Gesetze (Sabbat, Freilassung des Knechtes im siebenten Jahre, Jobeljahr usw.). Sie gelten als wichtigste Kulturgüter der Menschheit, trotzdem sie nicht zusammenhängend vorliegen und zu verschiedenen Zeiten ihren schriftlichen Niederschlag gefunden haben mögen. Rein Menschliches bieten auch die Poesien in der Genesis, also im ersten Teil der Bibel: einzigartige Denkmäler der Liebe zwischen Mann und Weib, dabei in ursprünglicher Naivität erzählt, die kaum ein Liebesgedicht späterer Zeit erreicht hat. In der Erzählung von Jakob und Rahel heißt es: „Also diente Jakob um Rahel sieben Jahre, und sie dünkten ihm, als wären sie einzelne Tage, so sehr liebte er sie." Es findet sich in der ganzen Weltliteratur keine Be-schreibung der Mannesliebe, die in einem knappen Satze so schön, so vollkommen dieses hohe Gefühl darstellen würde. Mögen nun die fünf Bücher Moses entstanden sein wie immer: durch göttliche Offenbarung, die in verschiedenen Versionen kursierte und wieder zusammengefügt wurde oder durch Vereinigung von Schriften aus verschiedenen Epochen, wir finden in ihnen hohe Werte, große Kostbarkeiten. Diese werden dadurch nicht gemindert, daß es in ihnen manchmal recht menschlich zugeht, daß wir böse Leidenschaften, niedrige Gelüste kennen lernen, Wir stehen am Beginn der menschlichen Kulturgeschichte, die uns ohne Beschönigung überliefert wird. „So ist der Mensch, so sind die Gesetze Gottes, gehet hin und lernet!" Der Prophetenkanon enthält die geschichtlichen Bücher Josua, Richter, Samuel, Könige (die „ersten") und prophetische Texte (die „letzten Propheten"). Diese teilen wir in die großen Propheten Jesaias, Jeremias, Ezechiel und in die zwölf kleinen Propheten, Die Heiligkeit der „Propheten" entstand einerseits durch Gewöhnung an den Text, andererseits dadurch, daß die Erzählungen von Israels Schicksal, vom Buche Josua angefangen, dort fortgesetzt werden, wo der Pentateuch aufhört. Man nimmt an, daß einzelne Werke der eigentlichen Propheten noch vor der endgültigen Kanonisierung des Pentateuch bekannt und verehrt wurden. Die Kethubim: Psalmen, Sprüche, Hiob, das Hohe Lied, Ruth, Prediger, Daniel usw. sind nur ein Teil der Literatur, die Israel sich gerettet hatte und die in dem Gesamtkanon als geheiligt aufgenommen wurde, Die Bücher, die dann übrig blieben, wie die Makkabäer, Briefe des Jeremias, das Buch Baruch usw. existieren zwar, aber als Apokroyphen. Dem Buche Nehemia zufolge fand eine erste Kanonisierung, die sich zunächst auf den Pentateuch bezog, um das Jahr 500 v. u. Z, unter Esra und Nehemia statt, Jesus Sirach (2. Jhrh. v, u. Z.) nennt bereits die meisten biblischen Bücher. Erst in frühtalmudischer Zeit (um 100 u. Z,) wurde über die Frage disputiert, ob gewisse Bücher (Ezechiel, dann die dem König Salomo zugeschriebenen) in den Kanon aufzunehmen seien. Nach der heutigen Bibelkritik wären manche Bücher (z, B. Genesis, Psalmen, Job) auch erst sehr spät geschrieben worden, nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, in der Makkabäerzeit usw. Dies alles führen wir an, um den Eindruck hervorzurufen, daß die Bibel ein Entwicklungsprodukt ist (das Produkt etwa tausendjähriger Nationalgeschichte), beeinflußt durch religiöse Strömungen, aber immerhin voll historischen Materials. Von 444 bis etwa 60 u, Z. hat die Sammlung gedauert, und als endgültig abgeschlossen wurde sie erst in der großen Synode in Jabne erklärt, wobei Schriften, die man jetzt zur apokryphen Literatur rechnet, ausgeschieden wurden, Zum besseren Verständnis wollen wir anführen, daß man zu jener Zeit Schriftwerke in Rollen sammelte. Schon beim Abschreiben mögen Irrtümer vorgekommen sein, auch redaktionelle Korrekturen waren einfacher und natürlicher als heute beim Setzen und Drucken. Aber selbst das Ineinanderfügen verschiedener Versionen war durch das Aneinanderreihen von Schriftrollen leichter zu bewerkstelligen. Beim Sammeln dieser Schriften und beim Ausscheiden aus dem endgültigen Kanon wurden nur solche Schriften aufgenommen, deren reiner und geistig wertvoller Gehalt den göttlichen Ursprung vermuten ließ. Denn unser Wissen um das Entstehen der Bibel aus diesen gesammelten Rollen ändert nichts an ihrer Bedeutung, nichts an der Wucht ihres Inhaltes, nichts an der reinen Göttlichkeit ihrer Lehre, Jedes gute Werk, das tiefsittlichem Empfinden entsprungen ist, bedeutet eine Offenbarung des göttlichen Geistes, der uns Menschen zuströmt, ohne daß wir imstande wären, das Wie und Warum zu erklären. Selbst die Psalmen Davids, die wir dem größten Könige von Juda zuschreiben, sind nur ein Sammelwerk, dessen Entstehungszeit von Moses bis zu den Makkabäerkriegen reicht, Josephus spricht von vier Mitarbeitern der Psalmen, der Talmud meint, daß es ihrer vierzig gewesen seien, Und doch ändert dies nichts an der Gottinnigkeit, an der Heiligkeit, dem poetischen Schwung dieser Hymnen, die nun eine der Grundlagen der Exilsliturgie bilden, wie auch des christlichen Gottesdienstes, besonders der protestantischen Bekenntnisse. Und wenn uns auch erzählt wird, daß Inder und Babylonier schwungvolle Hymnen zurückgelassen haben, die uns nach und nach durch Entzifferung alter Schriften und Inschriften nahegebracht wurden, es findet sich doch nichts gleichwertiges in der gesamten Weltliteratur. Dem katholischen Laien ist die Bibellektüre verboten, Für seinen Gebrauch ist eine harmlose Auslese zusammengestellt, von der man annimmt, daß sie seinem Verständnis entspricht. Die berufenen Priester dürfen die Urbibel lesen, in der nur mit päpstlicher Erlaubnis kritisch geforsch werden soll, Denn die Bibel ist im Wortlaute heilig, feststehend, unanfechtbar, Und alles, was wir an kritischen Ergebnissen hier anführen, entstammt der Arbeit protestantischer Gelehrter. Auch dem frommen Juden ist die Bibel ein heiliges Buch, in dem jedes Wort, jeder Buchstabe von Gott gewollt, von Gott gegeben, unverrück- bar in Stellung und Bedeutung ist. Und alles, was wir später über jüdische Religionsforschung, Mischna und Talmud Zitate sagen werden, ist auf dem Fundament der Heiligen Schrift aufgebaut. Es würde kein Buch ausreichen, um die Aus-drücke der Bewunderung von christlichen Gelehrten, Pastoren und Seelsorgern über das Alte Testament niederzuschreiben, Wir geben nur eine kurze Kritik von Max Weber, dessen nachgelassenes Werk: „Religions-Soziologie" (3. Bd): „Das antike Judentum" so viel Anregung bietet, daß man kaum darüber hinweggehen kann. „Die gewaltige Pathetik der großen Propheten, die begeisternde Gewalt und der Enthusiasmus der nationalen Geschichtsschreibung, der schlichte, aber leidenschaftliche Ernst der Schöpfungs- und Menschheitsmythen, der starke Stimmungsgehalt der Psalmen, der Hiob- und anderen Legenden und der Spruchweisheit bildeten einen Rahmen für religiöses Innenleben fast aller erdenklichen Gefühlslagen, wie er in dieser Art zum zweiten Male nicht gefunden werden konnte." Die Sprache besaß wenig wissenschaftliche Aus-drücke, weshalb der Schriftsteller immer wieder pausieren und neue Vergleiche heranziehen mußte, Daher die Mannigfaltigkeit in Stil und Ausdruck. Er erhebt sich infolge der ethischen Motive und der universalistischen Tendenzen zu schwindelnden Höhen, er ist Ort und Zeit entrückt und hört sich manchmal an wie eine Stimme aus der Ewigkeit. Z, B, „So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Stuhl und die Erde meine Fußbank; was ist's denn für ein Haus, das ihr mir bauen wollet oder welches ist die Stätte, da ich ruhen soll?" Oder ein Beispiel der Thesis und Antithesis: „Höret, ihr Himmel! Und Erde nimm es zu Ohren, denn der Herr redet: Ich habe Kinder auferzogen und erhöhet und sie sind von mir abgefallen." Dieser Stil ist keinem anderen Sprachstil ähnlich, kann mit keinem andern verglichen werden, wie die prophetische Literatur nichts Ähnliches in der ganzen Weltliteratur hat. Der prophetische Mensch war von einem einzigen Gedanken beseelt, von dem Gedanken der Sittlichkeit, von der Idee des Guten und Gerechten. Naiv und unkompliziert wie die althebräische Prosa ist die althebräische Poesie der Juden. Alexander von Humboldt sagt darüber: „Es ist ein charakteristisches Kennzeichen der Nationalpoesie der alten Hebräer, daß als Reflex des Monotheismus sie stets das Ganze des Weltalls in seiner Einheit umfaßt, sowohl das Erdenleben als die leuchtenden Himmelsräume. Sie weilt selten bei dem Einzelnen der Erscheinungen, sondern erfreut sich der Anschauung großer Massen ..." „Bemerkenswert ist auch noch, daß diese Poesie trotz ihrer Größe selbst im Schwunge der höchsten, durch den Zauber der Musik hervorgerufenen Begeisterung fast nie maßlos wie die indische ist" (Cosmos 2 s. 45). Das genial Unbewußte, naive Schöpferische in der Bibel wirkt durch die Jahrtausende. Mehr noch als der religiöse Bekenntnisdrang der alten Juden war das Naiv-kindliche ihres Geistes die Ursache ihrer Offenheit und ihres uneingeschränk ten Bekennens. In wenigen Büchern der Weltliteratur wird so offen bekannt, wie in den Büchern des Alten Testaments. Mit welch geradezu kindlicher Naivität wird in der Bibel über die Laster und Verbrechen Davids berichtet, über die Schwächen und Verkehrtheiten Salomons und Jerobeams. Dabei sind doch David und Salomon nach Moses die zwei populärsten Gestalten in der jüdischen Geschichte." Die Worte der Propheten bedeuten in ihrer Gesamtheit ein Monument menschlicher Sittlichkeit, eifervollen Gottesbewußtseins. Aus ihnen lernte die Menschheit zum ersten Male den Wert der Persönlichkeit, die Einheit aller Menschen, die Pflicht der Gegenseitigkeit, die Heiligkeit des Menschentums, die Seligkeit der Hingebung, die Auferstehung durch Demut und Selbstvernichtung kennen und in ihnen finden wir auch die Grundlage dessen, was zum Fun-dament des Christentums gehört. Das ergibt sich beim Anschauen einer guten Ausgabe des Neuen Testaments, in dem fast jeder Ausspruch mit einer Stelle aus dem Alten Testament, zumeist aus den Propheten, belegt wird. Das geschieht vielfach mit der Absicht, nachzuweisen, daß im Evangelium die Erfüllung prophetischer Verheißung erreicht ist, christliche Gelehrte jedoch weisen nach, daß in den Evangelien gewollte Anlehnungen vorliegen und gewisse Handlungen selbst in der Passion nach Pro-phetenwort und nach Versen der Psalmen hinzu-gefügt worden sind. Psalm 22 z. B. bietet das Vorbild der Passion. In Vers 2 finden wir die Worte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! 17. Denn Wunder haben mich umgeben und der Bösen Rotte haben mich umringt, sie haben meine Hände und Füße durchbohrt. 19. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand." Aber auch im 2. Buch der Könige, Kap. 4, in der Legende von Elisa finden wir Begebenheiten, die offenbar das Vorbild für die Erzählungen von den Wundern Jesus bedeuten. Elisa mehrt das Öl im Kruge der Witwe, das nicht weniger wird. Er erweckt den Sohn einer Sunamitin, indem er sich auf den Leichnam legt und ihn mit seiner Lebenswärme und mit seinem Hauch erweckt. Er speist das Volk mit zwanzig Gerstenbroten, die für die große Menge genügen. Und endlich heilt er einen Aussätzigen. Ähnliches berichten dann die Evangelien über Jesus, Julius Wellhausen sagt in „Israelitische und Jüdische Geschichte": „Micha VII. 6-8 gibt uns samt Psalm XXIII. 23-28 das vollständige Evangelium." Die Erforscher des Neuen Testaments haben für die Evangelien nach kritischer Prüfung folgendes festgestellt: Es wurden in den Kanon siebenundzwanzig Schriften aufgenommen, davon vier Evangelien, das sind vier verschiedene Erzählungen vom Leben und Sterben Jesu. Sie stammen jedoch nicht von Zeitgenossen Christi, es sind vielmehr Erzählungen, welche die Tradition ihnen zuschreibt. Es heißt auch Evangelium nach Matthäus, nach Markus usw. Diese Evangelien-Überlieferungen der Apostel liefen in allen den jungen Gemeinden des neuerwachten religiösen Bewußtseins, das kaum einen Namen hatte, um. Markus mag etwa zwischen 60 und 70 zum ersten Male eine solche Darstellung des Lebens Jesu niedergeschrieben haben. Von Jesu Geburt wird gar nicht berichtet. Wohl aber ist die Legende von seinem Opfertod in aller Einfachheit plastisch herausgearbeitet, so daß sie alle Zeit und allüberall die größte Rührung auslöst. Es ist wohl anzunehmen, daß damals noch viele Aussprüche Jesu umliefen und im Evangelium Mar-kus richtig wiedergegeben sind, vielfach sind es auch in Judäa allgemein bekannte Sittensprüche. Diese Logia Jesu, die Papias etwa 140 n. Chr. aufschrieb, gelten als Quelle. Das Evangelium Matthäi gewöhn-lich das erste in der Reihe, erzählt von der Geburt Jesu, die nach Bethlehem verlegt wurde und zwar, wie es ausdrücklich heißt, um das Prophetenwort wahr zu machen, nach welchem ein Sproß vom Stamme Davids als Messias die Welt erlösen wird. Von der Verkündigung der Geburt Jesu an Maria jedoch wird erst im Evangelium Lukas erzählt. Das Evangelium Matthäi erzählt viel mehr Mirakel als Markus, unter anderem die Versuchung Christi, bringt aber auch die Bergpredigt mit dem „Vater unser", das schönste und vornehmste Stück der Evangelien. Im Evangelium Lukas, dem dritten in der Reihe, wird von der wunderbaren Empfängnis erzählt, die den vorerst menschlich verständlichen Propheten und Erlöser vollends ins Transcendentale überleitet und so die Erhöhung zum Gottmenschen vorbereitet. Hier ist bereits der Einfluß einer geistlichen Gemeinschaft bemerkbar, aber immerhin wird angenommen, daß diese drei ersten Evangelien, welche auch die synoptischen, d. h. die zusammenzuschauenden genannt werden, bis zum Ende des ersten Jahrhunderts niedergeschrieben waren. Lukas dem Evangelisten, der ein feingebildeter Hellenist und Arzt war, wird auch die Autorschaft der Apostelgeschichte zugeschrieben, in denen uns der große Organisator Paulus vorgeführt wird. Das vierte Evangelium nach Johannes ist rätsel-hafter Herkunft und hierin ein Gegenstück zum Deuteronomium, wahrscheinlich das Ergebnis einer bereits bestehenden kirchlichen Organisation in Asien oder Nordafrika. Es erzählt auch nichts von der Geburt Jesu und zwar nicht aus demselben Grunde wie Markus, weil damals das Menschliche im Heiland noch zu bekannt war, sondern weil Jesus bereits als gottähnlich galt und Gott nicht erst zur Welt gebracht wird. Das Evangelium Johannes beginnt philosophisch: „Im Anfahge war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort". Es ist ein Versuch, den Gnostizismus mit den Evangelien zu vereinigen. Es liegt bereits eine große Literatur vor über die sogenannte johannäísche Frage, wir aber führen all dies nur als Parallele zur Entstehungsgeschichte der Bibel an. Zum Neuen Testament gehören noch außer der Apostelgeschichte die Briefe des Paulus an die Römer, Hebräer, Galather usw., von denen aber der Kritik nach nur wenige von diesem großen Apostel und bedeutenden Organisator stammen. Wahrscheinlich sind mehrere während seiner Gefangenschaft oder nach seinem Martyrium niedergeschrieben worden. Dann folgt die Offenbarung Johannis, ein sogenanntes apokalyptisches Werk, eine ekstatische und magische Predigt, deren Inhalt schwer zu deuten ist. Neuestens wird sie als der Niederschlag einer christlichen Bewegung angesehen, die keine Fortsetzung fand, wie so manche im Orient. Nach Johann Lepsius soll das Evangelium Johannes die Bearbeitung einer aramäischen Version der Jesusgeschichte, von einem Cebedeussohne, einem Apostel, sein. Der Übersetzer und Bearbeiter wäre Johannes von Ephesus, der Verfasser der Johannesbriefe. Damit würde übereinstimmen, was David Heinrich Müller, der Wiener Semitologe, behauptete, der im Johannes-Evangelium die echteste und früheste Erzählung finden wollte und zwar aus philologischen Gründen, weil die Diktion viel bibelähnlicher sei als in den Synoptikern. Diese Streitfragen werden wohl schwer zu entscheiden sein, denn alle aramäischen Evangelien, alle Sekten, die dem aramäischen Kulturkreise angehörten, demnach die wichtigsten Quellen für das Urchristentum, sind mit der Sprache, die in Christi Umgebung und im babylonischen Kulturkreise die herrschende war, für uns verloren gegangen, Geblieben ist, was hellenistischen Ursprungs war, was Paulus in einem Griechisch der Verfallzeit selbst gestaltete oder was unter seinem Einfluß entstanden ist. Aber dies alles und die Tatsache, daß die Kanonisierung der Evangelien sehr spät einsetzte und eigentlich nie vollständig abgeschlossen wurde, gibt uns kein Recht, ihre Schönheit zu bemängeln und an ihrer göttlichen Inspiration zu zweifeln. Diese vier Bücher haben der Menschheit so viel Freude, Glück und Trost verliehen wie kein anderes Werk. Und wenn es auch neuesten so dargestellt wird, als ob der Judaismus, zu dessen Kulturkreise das Neue Testament unbedingt gehört, ein Rückschritt war gegenüber dem Hellenismus, dessen Schönheitsfreude und Sinnenlust eine bessere Kulturwelt gestaltet hätte, wir haben allen Grund, uns hiezu recht skeptisch zu verhalten. Es ist mehrfach versucht worden, die jüdische Grundlage des Christentums abzuschütteln. Dies geschah unter anderem schon um 150 u. Z. durch Marcion, der ein eigenes an sich hochbedeutsames Lehrgebäude ohne Judentum aufrichtete. Er konnte es nicht fassen, daß die Christenlehre, die das Judentum stark befehdete, sich auf dieselbe heilige Grundlage stützen sollte. Aber seine Lehre wurde nicht anerkannt, ja sie wurde von Rom aus befehdet und ist ohne Nachfolge in sich selbst zusammengesunken. Und so sehr diese Trennung das materielle Wohl der Juden gefördert hätte, weil die feindselige Konkurrenz verschwunden wäre, so sehr ist dieser geistige Zusammenhang zu begrüßen. Ohne Judentum als Grundlage wäre das Christentum in seinen reinsten und schönsten Formen unmöglich gewesen. Und ohne die stets drohende und drängende Konkurrenz, ohne die stete Mahnung des Christentums, hätte das Judentum an Spannkraft und Lebensbejahung eingebüßt. Diese kurze kritische Skizze über das Entstehen der Evangelien haben wir ebenso wie jene über das Entstehen des Alten Testamentes hier angeführt, um das Urteil über Ähnlichkeit und Gegensätze des Alten und des Neuen Testaments vorzubereiten. Dem Christentum gelten beide Sammlungen erst als die Bibel (griechisch ta biblia, das Buch der Bücher). Die Sprache des Alten Testaments unterscheidet sich wesentlich von der Diktion der Evangelien. Das Alte Testament ist durchaus hebräisch geschrieben worden, eine Sprache, die wie in Erz gegossen er. scheint; das Neue Testament wurde uns in hellenistischem Griechisch überliefert. Die Sprache ist weicher, biegsamer und flüssiger. Max Weber ist der Überzeugung, daß die Kunst des schriftlichen Ausdrucks in Israel uralt ist, und daß man sich nicht vorstellen darf, die Zeit der ursprünglichen Bibelfragmente sei eine kulturell primitive gewesen. Es waren geschulte Menschen, die uns die ersten Fassungen der Bibel überlieferten. So weit ein bedeu-tender Gelehrter wie Max Weber. Dem möchte ich jedoch hinzufügen, daß wir nach meiner Überzeugung vieles der mündlichen Überlieferung verdanken, in der besonders die Erzählungen und gewisse Lehrsätze, wie das „Höre Israel", geformt und geprägt waren. Denn die mündliche Darstellung ist notgedrungen präziser als die schriftliche, denn die Übernahme von Ohr zu Ohr schleift alle Füllworte, alle Nebensächlichkeiten ab und läßt nur die tragende Konstruktion übrig. Vielleicht auch, daß schriftliche Version und mündliche Überlieferung sich vereinigten, daß Vorleser und Erzähler die Begebenheiten Generationen hindurch rezitierten und dann denen mitteilten, die des geschriebenen Wortes mächtig waren, denn auch heute noch ist öffentliches Erzählen und Rezitieren lebendige Sitte im Orient. Dieser Vorgang erhält die Sprache schmiegsam und lebendig und verleiht ihr jene Plastik, jene im persönlichen Ausdruck so mächtige Wirkung, wie sie die Bibel bei öffentlicher Darstellung zu üben pflegt. Zu erwähnen wäre noch, daß Musíl, der bekannte österreichische Arabienforscher, die Entstehung von Gedichten ähnlich beschreibt: „An einem Abend improvisiert ein Vorleser einen Vers, am nächsten Tage wird von irgendjemand anderem ein ähnlicher hinzugefügt, das geht so fort, bis der Grundgedanke erschöpft ist, worauf das Gedicht seine Wanderung von Vorleser zu Vorleser antritt und es endlich irgendwo schriftlich fixiert wird." Ähnlich mag das Hohe Lied entstanden sein, eine lose zusammenhängende Reihe von Hochzeitsgesängen. Noch ein wesentlicher Unterschied besteht zwischen Bibel und Evangelien. Das Alte Testament ist nicht nur kanonisch abgeschlossen, es wurde auch von den Massoreten (Massora = Überlieferung), angefangen vom 2. Jahrhundert v. u. Z., gegen jede noch so geringe textliche Änderung gesichert. Jede Silbe ist lautlich festgelegt, jeder Buchstabe gezählt, Akzent und Vokalisation durch besondere Zeichen be stimmt, eine Kleinarbeit von historischer Größe. Das Neue Testament ist noch immer labil, ohne fest-stehenden Text, ohne eigentliche autoritative Quelle, Veränderungen unterworfen, sobald ältere Texte aufgefunden werden. Nun aber zur wesentlichen Distanz und Urteilseinstellung zwischen der hebräischen Bibel und dem Neuen Testament. Das Alte Testament enthält die Geschichte eines Volkes, einer Nation in ihrer Entwicklung aus einem Stamme, aus einer Familie, die etwa zwei Jahrtausende umspannt. Sie erzählt das Emporsteigen aus dem Götzendienste und ursprünglichen Lebensformen zur Höhe der Eingottheit, der Universalität und hoher Kultur. Sie umfaßt die politische Geschichte eines werdenden Volkes, umrahmt von Sittenlehren, durchsetzt mit Poesien der Gottesahnung und des Liebeslebens. Es ist kein bloßes Erbauungsbuch, wenngleich viel Erbauliches gesagt wird. Schon im Pentateuch finden wir viel erschreckende Begebenheiten, angefangen von Kains Brudermord bis zur Ausrottung der Hewiter, weil Sichem, ein Sohn dieser Stadt, Dinah, die Tochter Jacobs, verführt hatte, Aber noch grauenhafter muten die Begebenheiten in den Büchern der Könige an. Es reiht sich Mord an Mord, Ausrottungen von königlichen Familien, Hinrichtung ganzer Gruppen von Königsdienern, kurzum, wir lesen die Geschichte eines asiatischen Hofes in seiner ganzen Grausamkeit, die auch zur nationalen Niederlage, zum ersten Exil führte. Wem das Neue Testament Mittelpunkt und Erfüllung der ganzen Bibel ist, der wird sich erschüttert von diesen Erzählungen abwenden und im Evangelíum Trost suchen. Wir aber müssen wissen, daß die Evangelien mit Vorbedacht zu einem Erbauungsbuch zusammengeschlossen sind, Schriften für die Glorifizierung eines religiösen Genies aus der Zeit hoher Entwicklung des jüdischen Glaubens. Sicherlich ist manches in den Evangelien eigenartig und in solcher Klarheit, in so reiner Fassung nur durch das Medium einer messianischen Erscheinung zu erklären, ganz gleich, ob sie der Wahrheit nacherzählt wird oder erdichtet wurde. Und noch eins ist zu bedenken. Jesus scheidet sich selbst von jeder Politik, von jeder Regierungsgewalt, von Tat und Sünde der staatlichen Hoheit durch die Worte: „Gebet Gott, was Gottes ist, und gebet dem Cäsar, was des Cäsars ist." Im Alten Testament, das sei nochmals wiederholt, finden wir neben den für jene Zeit einzig dastehenden ethischen Grundlagen einer völkischen Gesellschaft auch die Erzählungen menschlicher Leidenschaften von Urzeiten an bis zur Epoche der verfeinerten Lehren eines zu Gott strebenden Menschentums, in das die Leidensgeschichte Jesu getaucht ist. Denn für uns, wie für jeden historisch geschulten Menschen, der das erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung und ihrer Kultur kennt, enthalten die Evangelien eine Sammlung jüdischer Sittensprüche, jüdischer Sittenlehre, die als höchster Ausdruck der Moralbegriffe jener Zeit den trockenen Schriftauslegern entgegengestellt sind. Noch kürzer gefaßt. Das Alte Testament enthält eine Sittengeschichte und das Neue Testament eine Sammlung von Sittensprüchen. Und darum ist es so leicht und so billig, das Neue Testament moralisch höher zu stellen als die hebräische Bibel. Gemeinsam wandern Hebräer-Bibel und Neues Testament den Weg der Unsterblichkeit: sie formen Kulturen und bilden Sprachen. An der Bibel hat sich das sächsische Kanzlei-Idiom zur deutschen Sprache kristallisiert: sie erscheint bei der Britischen Bibelgesellschaft in 607 Sprachen, von denen viele erst auf diesem Wege ihre Gesetzmäßigkeit ausbildeten. Diese Gesellschaft druckte im Jahre 1926 zehn Millionen einhundertachtundzwanzig tausend dieses ewigen Buches, das die Erde erfüllt, Wer will ergründen, wie viele in anderssprachigen und besonders in hebräischen Verlagen hinzukamen, in einfacher Ausgabe und in künstlerischen Drucken? Die Saat der Propheten befruchtet Künstler und Denker für und für und erhellt das Dunkel der Herzen in der Hütte der Wildnis wie im Palaste der Weltstadt.